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Woman of the Month Oktober 2020: Isabella Roumiantsev

Aktualisiert: Jan 17


Isabella hat in Frankfurt am Main Theaterregie studiert und absolviert derzeit den konsekutiven Master in Zürich. In den letzten zehn Jahren war sie an diversen Theaterinszenierungen in Lübeck, Berlin, Frankfurt und Zürich beteiligt. In bisher zwei Stücken, bei denen sie sowohl als Autorin als auch Regisseurin fungierte, setzte sie sich kreativ mit künstlicher Intelligenz auseinander.


[Marlene] Hallo Isabella, mit dir erfahren wir heute mal einen etwas anderen Zugang zu dem Themenkomplex künstliche Intelligenz, nämlich einen spirituell-kreativen. Erzähl uns doch erstmal, wie du dazu kamst, dich in deiner performativen Arbeit damit auseinander zu setzen. Was war der Auslöser, woher kommt dein Interesse für das Thema?


[Isabella] Da ich unter sehr widersprüchlichen religiösen Einflüssen aufgewachsen bin, waren existenzielle Fragen schon immer Teil der Alltagsgespräche in der Familie. Es schien mir immer einer gründlichen Klärung zu bedürfen, ob und inwiefern der Mensch wirklich aus Materie besteht, und wo konsequenterweise sein Bewusstsein einen Sitz haben kann, wenn Geist und Materie qua Substanz unvereinbar sind. Möglicherweise ist das, was wir als «hard matter» begreifen, ja doch nur eine Art Projektion mentaler Natur.

Als ich nach dem Abitur dann anfing, in die Welt der Theaterschaffenden einzutauchen, wurde mir nach und nach klar, dass das Spezifikum des Mediums Theater ist, uns als Menschen zu reflektieren. Filme können mit cinematischen Qualitäten Geschichten und Perspektiven erzählen, im Theater hingegen dreht es sich um das performative Moment, das «jetzt und hier real vorhanden sein, und dabei betrachtet werden.»

Im Prinzip liegt es sehr nahe, den existenziellen Diskurs aus der Philosophie heraus in den plastischen Raum zu nehmen und am eigenen Leib zu untersuchen, wo Mensch und Maschine sich gleichen oder nicht, ob das Bewusstsein wirklich im Gehirn verortet ist, und was den Menschen tatsächlich von einem Computer unterscheidet.

Ich denke auch, dass die Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz über den wissenschaftlichen Weg hinaus auch eine ästhetische und nicht rein logische Annäherung braucht, um die Fragen bildlich greifbar zu machen und um Visionen über die Zukunft zu generieren.


[Marlene] Wie versuchst du das Thema denn für das Theater greifbar zu machen? Was ist dir dabei wichtig? Was motiviert dich?


[Isabella] Mir ist sehr wichtig, dass man sich als Theaterschaffender zwar informiert und eine tiefgründige Recherche betreibt, aber dann eben beim Medium Theater bleibt; man sollte nicht versuchen, komplexe Zusammenhänge zu erklären, Fakten zu illustrieren, also mit einem wissenschaftlichen, technologischen oder auch soziologischen Blick darauf zu schauen. Diese Bereiche spielen natürlich auch eine Rolle, aber eine künstlerische Auseinandersetzung kann sich von den Wahrhaftigkeitsansprüchen ganz befreien. Im Theater geht es weniger um Fakten und Informationen, als um Bilder, Assoziationen und Entwicklungen, bei denen man zuschauen kann.

Um bestimmte Fragen hervorzuheben, finde ich es oft produktiv, Widersprüche zu zeigen, Gegenhypothesen zu formulieren, dystopische Bilder zu zeigen und «Was wäre, wenn»-Situationen zu schaffen. Das kann szenisch über Schauspiel funktionieren, grundlegend gibt es aber noch eine gewaltige Bandbreite an weiteren theatralen Mitteln. Ich habe in einer Inszenierung ("Singularität", Anm. d. Red.) ein Bühnenbild entworfen, in welchem ein großes wassergefülltes Basin den Raum einnimmt, worin eine Ballettänzerin und ein Musiker stehen. Wir haben eine Art Partitur aus Binärcodes entwickelt, Klischees aus Roboterfilmen und Science Fiction nachgespielt und szenisch eine eigene Künstliche Intelligenz namens Tony entwickelt, deren Stimme über die Audioboxen mit der Tänzerin kommunizieren konnte. Auf diese Art haben wir abgetastet, wo wir heute stehen mit diesem Thema, und welche Eigenschaften genuin menschlich sind, welche niemals von einer synthetischen Intelligenz erreicht werden können. Empathie scheint so eine sehr menschliche Qualität zu sein. Möglicherweise kann jedoch ein so komplex strukturiertes Programm bessere Diagnosen psychischer Erkrankungen stellen, weltweite Fälle innerhalb von Nanosekunden vergleichen und ebenso schnell tief verborgene Zusammenhänge erkennen. In unserer Inszenierung hat sich Tony zum Ende hin zum mitfühlendsten Psychologen der Welt entwickelt.


[Marlene] Künstliche Intelligenz hat auch schon unzählige Branchen erreicht; die Filmindustrie z. B. arbeitet u. a. an Programmen, die die Profitabilität von Drehbüchern erkennen kann und welche nötigen Änderungen damit einhergehend vorgenommen werden sollten (also welche Schauspieler ausgetauscht oder welche Szenen verändert werden sollen beispielsweise). Gibt es solche Veränderungen auch schon in der Theaterlandschaft?


[Isabella] Es gibt in Dortmund die «Akademie für Theater und Digitalität», in welcher auf hohem Niveau die Schnittstelle zwischen Kunst und Technologie erforscht wird, und zwar auf technologischer, aber eben auch auf kreativer Ebene.

Darüber hinaus ist das Theater ein immer noch durch und durch analoger Betrieb, der auf diesen Aspekt der Leiblichkeit, Endlichkeit und Fehlbarkeit wohl auch niemals verzichten können wird.


[Marlene] Was würdest du anderen Theatermacher:innen mitteilen, die diese Thematik kreativ verarbeiten möchten?


[Isabella] Wir hatten mehrmals Menschen vom Fach auf unseren Proben, Doktoranden, die über KI promovieren, oder Universitätsprofessoren. Neben der vielen Literatur, die ein Recherchefeld darstellt, ist es sehr hilfreich, einem Fachmann alle Fragen stellen zu können.

Und ich würde auch immer noch ermutigen, sich keinem Korrektheitsanspruch verpflichtet zu fühlen.


[Marlene] Und eine allgemeine Frage noch: Wie ist dein persönlicher Blick auf K. I. und Gesellschaft? Spürst du, dass die Menschheit sich verändert, positiv oder negativ?


[Isabella] Ich sehe da einige komplexe Schwierigkeiten, die unsere Gesellschaft vermutlich in ihren Grundfesten umwandeln wird. Zum Beispiel die fortschreitende Optimierung der intelligenten Gesichtserkennung und der damit verbundene kritische Punkt des Gebrauchs und Missbrauchs persönlicher Daten von Seiten der Regierung oder großer Unternehmen.

Grundlegend wird Künstliche Intelligenz modelliert, indem ein Programm mit Daten gefüttert wird. Diese Daten sind ja quasi die DNA der K.I., und wie diese DNA aussieht, obliegt schließlich doch dem Programmierer. Steht also eine politische oder wirtschaftliche Agenda hinter der Programmierung, lässt es sich kaum umgehen, dass diese Menschen ihre Werte und Absichten dort mit einschreiben. Als extremes Beispiel könnte man den Einsatz künstlicher Intelligenz im Militär nennen, etwa um Waffensystemen die automatische Auswahl ihres Ziels zu ermöglichen. Hier ist es natürlich fatal, wenn die Ethik des reichsten Unternehmens sich durchsetzt, und sich somit aufgrund von Macht und Wohlstand eine ethische Entscheidungsgewalt erkaufen kann.

Natürlich ist es grundlegend eine technologische Entwicklung, die vermutlich eine ganz neue und noch ungeahnte Ära in der Entwicklung der Menschheit einleiten wird. Besonders im medizinischen Bereich könnte die Verwendung intelligenter Programme beispielsweise die Krebsvorsorge maßgeblich vorantreiben, was wiederum der Finanzierung durch Monopole der Wirtschaft bedarf.

Insofern gibt es in alle Richtungen und auf politischer, wirtschaftlicher und soziologischer Ebene viel positives wie negatives Potenzial. Insofern ist es natürlich umso notwendiger, einen allgemeingültigen Codex zur ethischen Verwendung Künstlicher Intelligenz zu entwickeln.

Ein anderer Aspekt, unter dem sich die Digitalisierung des Alltagslebens auf die Gesellschaft auswirkt, ist die Reichweite des Smartphones im privaten Leben. Ich denke, dass uns alle digitalen Hilfsmittel die Notwendigkeit nehmen, unser eigenes Gehirn aktiv zu halten. Das beunruhigt mich ein wenig, weil man sich natürlich in jeder Situation lieber auf den leichteren Zugang zu Informationen verlässt, statt sich anzustrengen oder einer Überforderung oder Hilflosigkeit auszusetzen. Das wird sicherlich langfristige Veränderungen nach sich ziehen.

Alles wird ja leichter, aber die Vereinfachung ist auch ein Lockmittel in den digitalen Raum hinein. Ich kann es mir kaum noch vorstellen, mein Smartphone nicht permanent griffbereit zu haben. Das wäre sicherlich möglich, aber mit einem Kraftaufwand verbunden. Man toleriert dieses Endgerät als eine Dauerpräsenz, weil sie mit Vereinfachung, Unterhaltung und Verbundenheit besticht. Trotzdem ist es sicher gut, sich weiterhin darüber bewusst zu sein, was ein analoges Leben ist, und wie es sich anfühlt, leiblich in einer physischen, dreidimensionalen Welt zu leben.